Kennst du das? Du hast kluge Köpfe im Team, ambitionierte Ziele – und trotzdem stocken Projekte immer wieder an denselben Stellen. Ideen versanden, keiner kommt ins Tun, oder die letzten zehn Prozent werden einfach nie fertig. Wenn dir das bekannt vorkommt, könnte das Six-Working-Genius-Modell von Patrick Lencioni der fehlende Baustein sein, um dein Team endlich so aufzustellen, dass Projekte nicht nur starten, sondern auch ankommen.
Was ist das Six Working Genius Modell?
Das Six Working Genius ist ein Teammodell von Patrick Lencioni,der vielen Unternehmern bereits durch Bücher wie The Five Dysfunctions of a Team oder The Ideal Team Player bekannt ist.
Die Entstehungsgeschichte des Modells liest sich wie ein typisches Arbeits-Schicksal: Der Protagonist in Lencionis Buch arbeitet als Berater in einer Marketingagentur. Er liebt seinen Job, gibt jeden Tag Gas – bis er befördert wird. Plötzlich ist er Chef aller Berater. Mehr Geld und mehr Verantwortung. Doch statt Erfüllung kommt der „Monday Morning Blues“: keine Lust, keine Energie und keine Freude mehr. Er kündigt, gründet selbst – und das gleiche Muster wiederholt sich, sobald das Team wächst.
Die Erkenntnis: Das Problem lag nicht am Job oder an der Firma. Es lag daran, dass er in Aufgaben arbeitete, die nicht seinen natürlichen Stärken entsprachen.
Aus diesem Dilemma heraus entsteht das Six Working Genius Modell – ein Framework, das erklärt, warum manche Arbeit uns Energie gibt und andere uns auslaugt. Und das ist auch für dich als Unternehmer hochrelevant.
Das Modell: Sechs Zahnräder, die ineinandergreifen
Stell dir ein Uhrwerk vor. Sechs Zahnräder greifen ineinander – fällt eines aus, stockt das gesamte System. Genau so funktioniert das Six-Working-Genius-Modell. Jedes Projekt durchläuft drei Phasen, in denen jeweils zwei der sechs „Geniuses“ gebraucht werden:
Phase 1 – Ideation (Ideenentstehung): Wonder & Invention
Wonder ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen, auf Probleme hinzuweisen und Dinge zu sehen, die andere übersehen. Wonder-Menschen laufen durch die Organisation und sagen: „Unser Sales-Prozess funktioniert nicht. Müssten wir da nicht mal ran?“ Sie liefern keine Lösung – aber sie identifizieren die richtigen Themen.
Invention antwortet darauf. Das sind die Erfinder, die Lösungsdenker. Sie hören ein Problem und sagen: „Ich habe eine Idee, wie wir das lösen können.“ Invention braucht Wonder als Auslöser – ohne die richtigen Fragen entstehen keine relevanten Antworten.
Phase 2 – Activation (Aktivierung): Discernment & Galvanizing
Discernment ist eine Mischung aus kritischem Hinterfragen und gutem Bauchgefühl. Discerner schärfen Ideen, indem sie die richtigen Rückfragen stellen: „Hast du mal geschaut, ob das Timing passt? Hast du an diesen Aspekt gedacht?“ Sie sind keine Spielverderber – sie machen Ideen besser. Ein konkretes Beispiel: Ein Unternehmen hat einmal eine eigene App gebaut. Hätte man sich mehr Discernment gegönnt, hätte man vorher erkannt, dass die Kunden ihre Ergebnisse lieber in eigenen Tools pflegen – und hätte viel Ressourcen gespart.
Galvanizing ist das, was Lencioni „Rally up the Troops“ nennt: Menschen mobilisieren, Energie erzeugen, den Startschuss geben. „Auf geht’s, Leute – wir machen das jetzt!“ Viele Manager lieben diese Rolle. Aber Achtung: Galvanizing allein erzeugt Aufbruchsstimmung – ohne die nächste Phase passiert danach oft erstaunlich wenig.
Phase 3 – Execution (Umsetzung): Enablement & Tenacity
Enablement sind die Menschen, die anpacken, unterstützen und dafür sorgen, dass alle mitgenommen werden. Sie springen ins Auto, wenn der Galvanizer „Los!“ ruft. Sie kümmern sich darum, dass der Plan steht, dass alle genug Ressourcen haben, dass es wirklich vorangeht. Enabler brauchen dabei eines: Sie wollen verstehen, warum etwas gemacht wird – nicht nur, was gemacht werden soll.
Tenacity bringt Projekte von 90 auf 100 Prozent. Tenacity-Menschen sorgen für den letzten Feinschliff, dafür, dass Prozesse unter Last funktionieren, dass nichts durchrutscht. Es ist „German Engineering“ im besten Sinne: die letzten fünf bis zehn Prozent, die den Unterschied zwischen „funktioniert irgendwie“ und „funktioniert zuverlässig“ ausmachen. Ohne Tenacity hast du überall 90-Prozent und der Laden fliegt dir um die Ohren.
Praxisbeispiel: Die Terrasse
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht, wie die sechs Geniuses in einem Projekt zusammenspielen:
- Wonder: „Wir sitzen den ganzen Tag drinnen. Es wäre schön, mal draußen Zeit an der Sonne zu
verbringen.“ - Invention: „Ich habe eine Idee – wir bauen eine Terrasse!“
- Discernment: „Gute Idee, aber wird es an der Stelle im Sommer nicht zu heiß? Und Lärche gibt
Splitter – nimm lieber Bangkirai.“ - Galvanizing: „Auf geht’s! Alle in die Autos, wir fahren zum Holzhändler!“
- Enablement: Alle springen ins Auto, das Holz wird gekauft, der Plan steht, jeder hat genug zu trinken.
- Tenacity: Die äußeren Planken werden fest verschraubt, eine Umrandung wird gebaut und ein Sonnenschirm aufgestellt. Erst jetzt ist die Terrasse wirklich fertig.
Ohne Tenacity hättest du eine Terrasse mit losen Brettern und ohne Sonnenschutz. Ohne Wonder wäre niemand auf die Idee gekommen, überhaupt nach draußen zu gehen.
Genius, Competency und Frustration – wo liegst du?
Jeder Mensch hat in der Regel zwei Geniuses – Bereiche, in denen er besonders gut ist und die ihm Energie geben. Dazu kommen zwei Competencies: Dinge, die er kann und auch eine Weile lang machen kann, die ihm aber nicht so viel Freude bereiten. Und schließlich gibt es zwei Frustrations: Aufgaben, die dauerhaft Kraft kosten und bei denen die Ergebnisse entsprechend schwächer ausfallen.
Das ist keine Schwäche, sondern eine Erkenntnis. Wer seine Frustrations kennt, kann sich gezielt die richtigen Menschen ins Team holen.
Was passiert, wenn ein Genius im Team fehlt?
Fehlende Geniuses zeigen sich in typischen Symptomen:
Kein Wonder: Chancen auf dem Markt werden übersehen. Drohende Gefahren bleiben unerkannt. Das Unternehmen ist operativ stark, aber strategisch blind.
Keine Invention: Probleme werden zwar erkannt, aber es kommt niemand mit einer Lösung. „Unser Sales Prozess ist seit drei Jahren schlecht“, aber es passiert nichts.
Kein Discernment: Ideen werden ohne Prüfung umgesetzt. Ressourcen und Energie werden in Projekte investiert, die bei nüchterner Betrachtung keine Chance hätten.
Kein Galvanizing: Gute Ideen versauern in der Schublade. Niemand trommelt die Mannschaft zusammen, niemand sagt „Jetzt geht’s los!“
Kein Enablement: Alle rufen „Auf geht’s!“, aber will helfen. Es fehlt die Mannschaft, die anpackt und den ersten Schritt macht.
Keine Tenacity: Projekte werden zu 90 Prozent fertig und dann liegen gelassen. Prozesse haken, der letzte Feinschliff fehlt, überall braucht es noch Workarounds
Das Gründer-Dilemma: Wenn Wonder und Invention das Tagesgeschäft sprengen
Ein Muster, das sich in wachsenden Unternehmen immer wieder zeigt: In der Gründungsphase braucht eine Firma vor allem Wonder und Invention. Jedes Unternehmen ist so entstanden – durch jemanden, der ein Problem gesehen und eine Lösung erfunden hat.
Je mehr Tagesgeschäft entsteht, desto mehr verschiebt sich der Schwerpunkt in Richtung Enablement und Tenacity. Eine etablierte Firma im laufenden Betrieb hat vermutlich 70 Prozent ihrer Arbeit in der Execution-Phase. Gründer, deren Geniuses aber vorne liegen – bei Wonder und Invention – fühlen sich in dieser Phase zunehmend fremd im eigenen Unternehmen.
Schlimmer noch: Wenn Gründer ständig mit neuen Ideen in laufende Prozesse hineinplatzen, wird es für die Mitarbeiter anstrengend und für die Gründer selbst frustrierend. Die Lösung liegt nicht darin, Wonder und Invention zu unterdrücken, sondern einen guten Rahmen dafür zu schaffen. Strategische Termine, Innovationsslots, ein klarer Platz im Meetingrhythmus, wo diese Geniuses gebraucht und wertgeschätzt werden.
Die Geniuses unserer beiden Gründer von scale up, Nikolai und Ralph, teilen sich ideal auf die ersten 4 Geniuses auf und ergänzen sich so wunderbar:
Flughöhe und Meeting-Rhythmus bei Six Working Genius: Wer gehört wohin?
Ein hilfreiches Bild: Stell dir vor, dein Unternehmen fliegt nach New York. Auf 30.000 Fuß entscheidest du den Kurs – drei Grad Kurskorrektur machen den Unterschied zwischen Buenos Aires und New York. Auf 1.000 Fuß prüfst du, ob die Räder ausgefahren und alle angeschnallt sind.
Wonder- und Invention-Menschen lieben die 30.000-Fuß-Perspektive: Annual Meetings, Strategie-Retreats, Quarterlies. Hier geht ihnen das Herz auf.
Discernment und Galvanizing sind häufig in der Mitte zuhause: monatliche Reviews, Quartalsmeetings, Projektstart-Termine.
Enablement- und Tenacity-Menschen performen auf operativer Ebene: Daily Check-ins, Weeklies, Status Meetings mit konkreten To-Do-Listen.
Was das für deine Meeting-Kultur bedeutet
Wenn du einen Inventor regelmäßig in Status-Meetings setzt, wird er neue Ideen einbringen – und damit den operativen Fokus des Teams zerschlagen. Wenn du Tenacity-Menschen in dreistündige Brainstormings einlädst, werden sie ungeduldig und frustriert.
Die Lösung: Bewusstsein schaffen. Es geht nicht darum, Menschen von Meetings auszuschließen. Es geht darum, zu wissen, wer in welchem Format den größten Beitrag leistet – und wer dort eher „mitgenommen“ wird, ohne Hauptcontributor zu sein.
Warum jedes der 6 Working Genius gleich wichtig ist
Eine der kraftvollsten Wirkungen von Six Working Genius ist Wertschätzung. In der Praxis erleben viele Enablement- und Tenacity-Menschen, dass sie sich als „Fußsoldaten“ fühlen – während Wonder und Invention als das glamouröse CEO-Level gelten.
Doch ein Unternehmen, das nur aus Wonder und Invention besteht, setzt nichts um. Und ein Team mit perfekter Execution, aber ohne Innovation verpasst den Markt. Jedes Genius ist unverzichtbar – und genau diese Erkenntnis verändert die Zusammenarbeit in Teams grundlegend.
Einer unserer scale up Coaches beschreibt es so: „Ich habe Enablement und Tenacity als Genius – und dachte anfangs, das ist das Falsche für meine Rolle. Bis mir klar wurde: Ohne uns setzt niemand etwas um. Das hat mir wahnsinnig viel Frieden gegeben.“
Six Working Genius im Recruiting und im Projektmanagement
Das Modell ist besonders wertvoll in zwei Bereichen:
- Recruiting
Bevor du jemanden einstellst, schau dir an, welche Geniuses in deinem Team fehlen und welche der Kandidat mitbringt. Es ist für niemanden fair, wenn du jemanden in eine Rolle lotst, die seine Frustration anspricht. Den Test kannst du den Kandidaten im Rahmen des Recruiting-Prozesses auf https://www.workinggenius.com/ durchführen lassen. - Projektteams und OKRs
Wenn OKRs nicht funktionieren, liegt es häufig an der Teamzusammensetzung. Ein Team voller Wonder und Invention wird großartige Ideen haben, aber bei der Umsetzung scheitern. Die Lösung: Vor jedem Projekt bewusst prüfen, ob alle relevanten Geniuses an Bord sind.
So nutzt du Six Working Genius in deinem Unternehmen
Unsere Empfehlung für den Einstieg:
- Assessment machen: Lass dein Team das Assessment auf workinggenius.com machen – am besten auf Englisch, da die deutsche Übersetzung leider nicht optimal ist.
- Eigeneinschätzung ergänzen: Lass die Teammitglieder sich selbst einschätzen, bevor ihr die Ergebnisse vergleicht. Ergänze das durch eine Fremdeinschätzung im Team.
- Team-Map erstellen: Visualisiere, welche Geniuses in eurem Team vorhanden sind – und wo Lücken bestehen.
- Projekte checken: Nehmt ein konkretes Projekt und simuliert es durch alle sechs Phasen. Wo hat es gehakt? Welches Genius hat gefehlt?
- Im Hiring berücksichtigen: Schau bei neuen Stellen nicht nur auf fachliche Kompetenz und Core-Value-Fit, sondern auch darauf, ob das Working Genius zur Rolle passt,
Zusammenfassung: Six Working Genius auf einen Blick
Das Six Working Genius Modell von Patrick Lencioni beschreibt sechs Fähigkeiten, die in jedem Projekt von der Idee bis zur Umsetzung gebraucht werden: Wonder, Invention, Discernment, Galvanizing, Enablement und Tenacity.
Jeder Mensch hat zwei Geniuses (Stärken, die Energie geben), zwei Competencies (machbar, aber nicht energetisierend) und zwei Frustrations (kräftezehrend und schwach).
Für Unternehmer ist das Modell ein kraftvolles Werkzeug, um Teams bewusster aufzustellen, Hiring-Entscheidungen besser zu treffen und zu verstehen, warum bestimmte Projekte stocken. Es geht nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken, sondern darum, jedem den Platz zu geben, an dem er den größten Beitrag leisten kann.
Du möchtest Six Working Genius in deinem Unternehmen einsetzen? Unsere scale up Coaches unterstützen dich dabei, das Modell in deine Team- und Projektarbeit zu integrieren. Erfahre mehr über unsere Coaching-Programme.
FAQ: Häufige Fragen zu den Six Working Genius
Was ist das Six Working Genius Modell?
Das Six Working Genius ist ein von Patrick Lencioni entwickeltes Modell, das sechs Typen von Arbeitsfähigkeiten beschreibt: Wonder, Invention, Discernment, Galvanizing, Enablement und Tenacity. Es hilft Teams, ihre Stärken zu erkennen und Projekte effektiver umzusetzen.
Wo mache ich das Assessment?
Über workinggenius.com. Empfehlung: Stelle die Sprache auf Englisch ein, um mit den Originalbegriffen zu arbeiten.
Kann sich mein Genius verändern?
Grundsätzlich ja, aber in der Praxis bleibt das Profil relativ stabil. Es geht weniger darum, seine Frustration zum Genius zu machen, sondern die richtigen Ergänzungen im Team zu finden.
Brauche ich alle sechs Geniuses in jedem Team?
Nicht zwingend in jeder Person, aber im Team insgesamt. Gerade bei Projektarbeit und OKRs lohnt es sich, die Genius-Verteilung vorher zu prüfen.
Wie unterscheidet sich Six Working Genius von anderen Persönlichkeitstests?
Im Gegensatz zu klassischen Persönlichkeitstests ist Six Working Genius explizit auf Projektarbeit und Teamdynamik ausgelegt. Es geht nicht um Persönlichkeitstypen, sondern um die Frage: Welche Art von Arbeit gibt dir Energie – und welche nicht?